Literarischer Frühling auf der Reichenau 2027
15. Literarischer Frühling auf der Reichenau
Sonntag, 18. – Donnerstag, 22. April 2027
Joseph Roth – ein Requiem auf das alte Europa und die untergegangene Welt des Ostjudentums
Prof. Dr. Hans-Richard Brittnacher, Berlin
Bei der Lektüre der Romane und Erzählungen Joseph Roths geht es dem Leser wie dem Rittmeister Taittinger, einem von Roths Helden, eine Gestalt von operettenhafter Belanglosigkeit, der an Spätsommerabenden gerne im Heurigenlokal sitzt und nicht weiß, ob er weinen oder lächeln soll. Roth hat nach einer frühen Karriere als Journalist (der „rote Joseph“) und einigen soziologisch präzisen Romanen über die turbulenten Jahre der Weimarer Republik schließlich das untergegangene Habsburger Kaiserreich und den Zauber der ostjüdischen Welt entdeckt und in elegischen Romanen, deren verhaltene Trauer und stilistische Prägnanz ihresgleichen suchen, zu literarischem Leben verholfen.
Drei eher kurze Romane aus Roths Werk wollen wir uns näher anschauen, nicht den vergleichswiese umfangreichen Radetzkymarsch, der den Teilnehmerinnen und Teilnehmern nach dem Seminar zuverlässig den Sommer versüßen wird, sondern Flucht ohne Ende von 1928, dann Hiob – Roman eines einfachen Mannes (1930), die Essaysammlung Juden auf Wanderschaft (1929) und zum Abschluss noch die 1937 im Pariser Exil entstandene Erzählung Das falsche Gewicht – die Geschichte eines Eichmeisters.
Flucht ohne Ende steht am Übergang von Roths zeitkritischen, dem Ton der Neuen Sachlichkeit verbundenen Romanen und dem eher elegischen Werk seiner mittleren und späten Phase, in der er, angelehnt an Formen wie Legende und Heiligengeschichte, traurige Parabeln aus der Welt der untergegangenen Habsburgermonarchie erzählt – in einer Diktion, die süchtig macht. Flucht ohne Ende ist Roths Beitrag zum Genre des ‚Heimkehrer-Romans‘, der seinen Helden Franz Tunda nach dem Ende des Ersten Weltkrieges aus dem revolutionären Russland die abenteuerliche Heimreise durch das von Krieg und Revolution zerstörte Europa nach Wien und Paris antreten lässt, um in der deprimierten Einsicht der „lost generation“ zu enden, dass auch jene, die den Krieg überlebt haben, doch innerlich gestorben sind: „So einsam wie er war niemand in der Welt“.
Demgegenüber setzt Roth im Hiob der untergegangenen Welt des Ostjudentums ein Denkmal: um den Verfall seiner Familie zu verhindern, nachdem sein ältester Sohn Jonas als Soldat dem Zaren dient und seine Tochter Mirjam sich mit Kosaken herumtreibt, wandert Mendel Singer nach Amerika aus, muss aber seinen geliebten behinderten Sohn Menuchim zurücklassen. In der seelenlosen Welt Amerikas verliert Mendel auch seinen zweitgeborenen Sohn Schemarja, seine Tochter wird wahnsinnig und seine Frau stirbt vor Kummer. Der bislang Gott bedingungslos ergebene Mendel Singer hadert mit seinem Schicksal, zürnt Gott – daher der Titel des Romans – bis ein Wunder geschieht. Wem bei der Lektüre des Romans die Augen trocken bleiben, hat keine Seele!
Den Roman Hiob flankiert eine Essaysammlung, der Roth den Titel Juden auf Wanderschaft gegeben hat, eine groß angelegten Reflexion über die conditio judaica, die als eine Lebensform aus eigenem Recht beschrieben wird. Mit der Intensität seiner Frömmigkeit, der Warmherzigkeit, der Bereitschaft zur Selbstbescheidung zeigt sich das Ostjudentum als Alternative zur materialistischen Vulgarität der Moderne, zu Nationalismus und zu Kapitalismus. Diese Beschwörung jüdischen Lebens legitimiert und preist ein überlegenes humanes Dasein, das auch auf Mendel Singer zurückwirkt und ihn trotz seiner ‚Einfachheit‘ nobilitiert und ihm die Zuneigung des Lesers sichert – im übrigen auch ein Beleg, dass der Essayist und Theoretiker Roth vom Erzähler und Romancier nicht zu trennen lässt. Was im Rahmen einer Reportage geleistet wird, ein authentisches Bild des schlichten, einfachen Lebens der ostjüdischen Welt zu liefern, kondensiert der Roman zu einer einprägsamen Geschichte vor dem Hintergrund der alttestamentlichen Parabel vom gottesfürchtigen Hiob.
Als dritten Kurzroman wollen wir noch Das falsche Gewicht behandeln, die Geschichte des Eichmeisters Eibenschütz, der in einem galizischen Flecken als Vertreter der K.u.K. – Amtsmacht walten und die Gewichte der ärmlichen, überwiegend jüdischen Bevölkerung überprüfen soll, sich von seiner ihm untreuen Frau entfremdet und sein Glück bei Euphemia Niekisch sucht, einer Zigeunerin und Grenzschenkenbetreiberin, bis sie dem Maronibrater Sameschkin den Vorzug gibt und Eibenschütz von einem rachsüchtigen Zuchthäusler erschlagen wird..
Es handelt sich um drei vergleichsweise kurze Romane, die je nach Druckbild zwischen 100 und 150 Seiten haben, und eine Essaysammlung, die sich liest wie ein Roman. Das sind, das garantiere ich, 500 Seiten pures Lesevergnügen!
Lektüre:
Alle diese Texte liegen in preiswerten Taschenbuchausgaben vor – wer sich eine gebundene Ausgabe zulegen will, sei auf eine neu bei Wallstein verlegte, zuverlässige vierbändige Ausgabe der Werke Roths (zum Preis von 99 Euro) verwiesen.
Der Dozent:
Prof. Dr. Hans Richard Brittnacher lehrte Neuere Deutsche Literatur an der Freien Universität Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Ästhetik des Phantastischen, die Darstellung von Minderheiten, die Literaturgeschichte der Goethezeit, Literatur und Religion und die Abenteuerliteratur. Wichtige Veröffentlichungen: Ästhetik des Horrors. Gespenster, Vampire, Monster, Teufel und künstliche Menschen in der phantastischen Literatur. Frankfurt/Main 1994; Leben auf der Grenze. Klischee und Faszination des Zigeunerbildes in Literatur und Kunst. Göttingen 2012. Seenöte, Schiffbrüche, feindliche Wasserwelten – Ozeanische Schreibweisen der Gefährdung und des Untergangs, hg. von Hans Richard Brittnacher und Achim Küpper, Göttingen 2018.
In Vorbereitung: Joseph Roth Handbuch – Leben – Werk – Wirkung, hg. von Hans Richard Brittnacher und Markus May. Stuttgart 2026.
Seminarzeiten:
1. Tag 18.00: Abendessen, 19.30-20.30
2. und 4. Tag 09.30-10.30/11.00-12.00 und 16.00-18.00
3. Tag 09.30-10.30/11.00-12.00
5. Tag 09.30-10.30/11.00-12.00
Kursgebühr:
280 €
Anmeldung bei:
Strandhotel Löchnerhaus
An der Schiffslände 12
78479 Insel Reichenau
Tel.: 07534 – 8030
info@loechnerhaus.de
www.loechnerhaus.de
Organisation:
Annegret Wolfram