Monatsgedicht

August

 

Hundstage

Wie nun am dürren Ginsterhang
Im braunen Stein, im goldnen Staub,
Im gilbenden Akazienlaub
Der Sommer seinen Überschwang
Austobt und in sich selbst verbrennt!
Aus dürrer Schote knistern schwarze Kerne,
Und abends hängen schwer die Sterne
Wie überreif am Firmament,
Das wie ein Puls im Fieber pocht
Und von verhaltnen Wettern kocht.

Wo eben noch in frohen Schauern
Das Leben feucht und spielend rann,
Keucht Sommer wütend hügelan
Der Höhe zu. Er will nicht dauern,
Er lechzt nach Rausch und Opferglück,
Ihn rief der Tod: auf hagrem Pferde
Jagt er voran und läßt die Erde
Erschöpft, verblüht, verbrannt zurück.
Und seufzend reckt sich Laub und Gras
Und raschelt hart und klirrt wie Glas.

Hermann Hesse

Juli

 

Sommer

Am Abend schweigt die Klage
Des Kuckucks im Wald.
Tiefer neigt sich das Korn,
Der rote Mohn.

Schwarzes Gewitter droht
Über dem Hügel.
Das alte Lied der Grille
Erstirbt im Feld.

Nimmer regt sich das Laub
Der Kastanie.
Auf der Wendeltreppe
Rauscht dein Kleid.

Stille leuchtet die Kerze
Im dunklen Zimmer;
Eine silberne Hand
Löschte sie aus;

Windstille, sternlose Nacht.

Trakl, Georg (1887-1914)

Juni

 

Wo die Götter die Daumen drehen,
die Stunde verderblichen Blaus –
halb acht, die Länder vergehen,
die Wolken flocken aus.

Figur in Gras und Garben,
ein Herz, das wie Zunder verglimmt,
wenn der Abend flamingofarben
über die Grenze schwimmt.

Die Röte hingenommen,
den Wind im Achselhaar;
ein Tag zwischen Schmerz und Verkommen,
der noch dein Bester war!

So schütter, so leicht durch die Finger
das luftige Konzept –
Go down, die Wolken schlingern,
die Ewigkeit verebbt.

Peter Rühmkorf

Mai

 

Im Frühling

Hier lieg ich auf dem Frühlingshügel:
Die Wolke wird mein Flügel,
Ein Vogel fliegt mir voraus.
Ach, sag mir, all-einzige Liebe,
Wo du bleibst, daß ich bei dir bliebe!
Doch du und die Lüfte, ihr habt kein Haus.

Der Sonnenblume gleich steht mein Gemüte offen,
Sehnend,
Sich dehnend
In Lieben und Hoffen.
Frühling, was bist du gewillt?
Wann werd‘ ich gestillt?

Die Wolke seh ich wandeln und den Fluß,
Es dringt der Sonne goldner Kuß
Mir tief bis ins Geblüt hinein;
Die Augen, wunderbar berauschet,
Tun, als schliefen sie ein,
Nur noch das Ohr dem Ton der Biene lauschet.

Ich denke dies und denke das,
Ich sehne mich, und weiß nicht recht, nach was:
Halb ist es Lust, halb ist es Klage;
Mein Herz, o sage,
Was webst du für Erinnerung
In golden grüner Zweige Dämmerung?

– Alte unnennbare Tage!

Eduard Mörike

April

 

Königreich der verwaisten Bienenstöcke
Blau ist die Farbe der Hoffnung. Grün, die Empörung.
Eitelkeit – gelb, wie der Morgen über den Bergen,
Wolken, verkleidet in Außenhaut Licht. Wind wird erzeugt
durch die Drehung des Erdballs und kreist um Paläste.

Gebet an die Furcht. Gebet an das Holz in den Möbeln,
die Spannung des Körpers bei einer reifen Bewegung,
die launische Gunst von Insekten – Sie beten im Winter.
Mit der Pünktlichkeit einer Krankheit kommt Frühling.

Honig quillt golden aus Waben, benetzt das Haar eines
Mädchens. Noch nie wurde etwas gepflanzt, das selbst
sein Wachstum bestimmte. Noch nie war die Erde so trocken,
das Glitzern von Honig so schön. Gebet an das Warten.

Sie blickt in die Ferne, tut nichts. Sobald sich die Erde
verschließt, wird sie handeln. Gebet an das Speichern
von Daten in Zellen, ihr Wachstum nach innen. Licht
überträgt Wärme. Wärme überträgt Enge. Paläste zerbröseln

wie Kreide. Sie kostet den Honig. Spannt ihre Zunge an,
schluckt ihn herunter. Die Ferne verschwimmt mit dem
Himmel. Insekten rufen mit Stimme der Mutter. Noch nie
hat der Honig so deutlich nach Abschied geschmeckt.

Yevgeniy Breyger * 26.07.1989, Charkiw, Ukraine
studierte Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim, Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und Curatorial Studies an der Hochschule für Bildende Künste Städelschule in Frankfurt am Main. Lebt in: Frankfurt am Main.

März

’s ist Krieg! ’s ist Krieg! O Gottes Engel wehre,
Und rede Du darein!
’s ist leider Krieg – und ich begehre,
Nicht schuld daran zu sein!

Was sollt ich machen, wenn im Schlaf mit Grämen
Und blutig, bleich und blaß,
Die Geister der Erschlagnen zu mir kämen,
Und vor mir weinten, was?

Wenn wackre Männer, die sich Ehre suchten,
Verstümmelt und halb tot
Im Staub sich vor mir wälzten und mir fluchten
In ihrer Todesnot?

Wenn tausend tausend Väter, Mütter, Bräute,
So glücklich vor dem Krieg,
Nun alle elend, alle arme Leute,
Wehklagten über mich?

Wenn Hunger, böse Seuch und ihre Nöten
Freund, Freund und Feind ins Grab
Versammelten, und mir zu Ehren krähten
Von einer Leich herab?

Was hülf mir Kron und Land und Gold und Ehre?
Die könnten mich nicht freun!
’s ist leider Krieg – und ich begehre,
Nicht schuld daran zu sein!

Matthias Claudius

Februar

Möglichkeit

Keinen kenne ich, der den Gesetzen entkam,
Die unser Leben bestimmen.
Auch wer allen Willen zusammennahm,
Mußte stromabwärts schwimmen.

Noch jeden hat Resignation befallen,
Wenn ihn das Alter erreichte.
Wie sehr er sich unterschied von allen:
Das wars, was er mit ihnen teilte.

Ich kenne auch keinen versöhnlichen
Gedanken gegen den Zwiespalt des Lebens:
Keinen Eingott, keinen Allgott, keine Ideologie.
Lang mühte ich mich vergebens,

Ein Gesetz zu finden, das etwas erklärt
Oder rechtfertigt wenigst in Teilen.
Doch was man lebend erlebt und erfährt,
Läßt sich mit Glauben nicht heilen.

Auch mit Denken kaum. Doch will ich mich nicht
Der Resignation ergeben.
Noch fühle ich als Verpflichtung das Licht
Und als Möglichkeit das Leben.

Eva Strittmatter

Januar

Man soll das Jahr nicht mit Programmen
beladen wie ein krankes Pferd.
Wenn man es allzu sehr beschwert,
bricht es zu guter Letzt zusammen.

Je üppiger die Pläne blühen,
um so verzwickter wird die Tat.
Man nimmt sich vor, sich zu bemühen,
und schließlich hat man den Salat.

Es nützt nicht viel, sich rotzuschämen.
Es nützt nichts, und es schadet bloß,
sich tausend Dinge vorzunehmen.
Laßt das Programm! Und bessert euch drauflos!

Erich Kästner