Monatsgedicht

November

 

Die Sternseherin Lise

Ich sehe oft um Mitternacht,
Wenn ich mein Werk getan
und niemand mehr im Hause wacht,
Die Stern am Himmel an.

Sie gehn da, hin und her zerstreut
Als Lämmer auf der Flur;
In Rudeln auch, und aufgereiht
Wie Perlen an der Schnur;

Und funkeln alle weit und breit,
Und funkeln rein und schön;
Ich seh die große Herrlichkeit,
Und kann mich satt nicht sehn …

Dann saget, unterm Himmelszelt,
Mein Herz mir in der Brust:
„Es gibt was Bessres in der Welt
Als all ihr Schmerz und Lust.“

Ich werf mich auf mein Lager hin,
Und liege lange wach,
Und suche es in meinem Sinn,
Und sehne mich darnach.

Matthias Claudius

 

Oktober

 

If I could tell you

Die Zeit sagt nichts, ich sag dir um so mehr,
Die Zeit kennt nur den Preis, den sie genommen;
Ich würd’s dir sagen, wenn’s zu sagen wär.

Und wenn du weinst vor einem Clown mit Bär
Und wenn wir durch Musik ins Taumeln kommen,
Die Zeit sagt nichts, ich sag dir um so mehr.

Wahrsager geben keinerlei Gewähr,
Wenn ich dich liebe, mehr als Worte lallen,
Ich würd’s dir sagen, wenn’s zu sagen wär.

Die Winde müssen kommen von woher,
Und Gründe gibt’s, warum die Blätter fallen,
Die Zeit sagt nichts, ich sag dir um so mehr.

Vielleicht blühn Rosen nicht von ungefähr,
Das Traumbild könnt zum Bleiben sich entschließen,
Ich würd’s dir sagen, wenn’s zu sagen wär.

Gesetzt, die Löwen brechen auf zum Meer,
Soldaten fliehn und Bäche aufwärts fließen;
Ist Zeit nicht stumm, und ob ich’s dir erklär?
Ich würd’s dir sagen, wenn’s zu sagen wär.

W.H. Auden, übersetzt von Hella Bronold

Time will say nothing but I told you so,
Time only knows the price we have to pay;
If I could tell you I would let you know.

If we should weep when clowns put on their show,
If we should stumble when musicians play,
Time will say nothing but I told you so.

There are no fortunes to be told, although,
Because I love you more than I can say,
If I could tell you I would let you know.

The winds must come from somewhere when they blow,
There must be reasons why the leaves decay;
Time will say nothing but I told you so.

Perhaps the roses really want to grow,
The vision seriously intends to stay;
If I could tell you I would let you know.

Suppose all the lions get up and go,
And all the brooks and soldiers run away;
Will Time say nothing but I told you so?
If I could tell you I would let you know.

 

September

 

In Vorfreude auf das Seminar:

Fontanes Männer
Männlichkeiten und männliche Figuren im Erzählwerk Theodor Fontanes
mit Dr. Bastian Schlüter, Berlin

vom 29.9. – 3.10.2019 in Dangast (–> siehe www.literaturferien.de)

 

Die Alten und die Jungen

„Unverständlich sind uns die Jungen“,
wird von den Alten beständig gesungen;
meinerseits möchte ich′s damit halten:
„Unverständlich sind mir die Alten.“
Dieses Am-Ruder-bleiben-Wollen
In allen Stücken und allen Rollen,
dieses Sich-unentbehrlich-Vermeinen
samt ihrer „Augen stillem Weinen“,
als wäre der Welt ein Weh getan –
ach, ich kann es nicht verstahn.

Ob unsere Jungen, in ihrem Erdreisten,
wirklich was Besseres schaffen und leisten,
ob dem Parnasse sie näher gekommen
oder bloß einen Maulwurfshügel erklommen,
ob sie mit anderen Neusittenverfechtern,
die Menschheit bessern oder verschlechtern,
ob sie Frieden sä′n oder Sturm entfachen,
ob sie Himmel oder Hölle machen –
eins läßt sie stehn auf siegreichem Grunde:
sie haben den Tag, sie haben die Stunde;
der Mohr kann gehen, neu Spiel hebt an,
sie beherrschen die Szene, sie sind dran.

Theodor Fontane

 

August

 

Gottfried Keller zum 200. Geburtstag

In Vorfreude auf Davos:

Wir haben in der Schweiz allerdings manche guten Anlagen und, was den öffentlichen Charakter betrifft, 
offenbar jetzt ein ehrliches Bestreben, es zu einer anständigen und erfreulichen Lebensform zu bringen, (…)
aber noch ist lange nicht alles Gold, was glänzt; dagegen halte ich es für die Pflicht eines Poeten, 
nicht nur das Vergangene zu verklären, sondern das Gegenwärtige, die Keime der Zukunft so weit zu verstärken und zu verschönern, 
dass die Leute noch glauben können, ja, so seien sie und so gehe es zu! 
(reclam, Gottfried Keller, Züricher Novellen, Nachwort, S. 400).

Und dem weitsichtigen Poeten zu Ehren:

Es wird eine Zeit kommen, wo in unserem Lande, wie anderwärts, sich große Massen Geldes zusammenhängen 
ohne auf tüchtige Weise erarbeitet und erspart worden zu sein; 
dann wird es gelten, dem Teufel die Zähne zu weisen; 
dann wird sich zeigen, ob der Faden und die Farbe gut sind an unserem Fahnentuch!
(„Das Fähnlein der sieben Aufrechten“, S. 256)

 

Juni

 

Mascha Kaléko 

Der junge Joseph                              
(Für Thomas Mann) 

Die ihr der Träume dunklen Sinn nicht faßt, 
Wie haßt ihr mich, dem sich die Sterne neigen. 
Wie ward der Auserwählte euch zur Last, 
Da er das Wort berief, für ihn zu zeugen. 

Ich bin der Becher bis zum Rand gefüllt, 
Unkundig noch der großen Demut Schweigen. 
Da sich der Brüder Garben vor mir beugen, 
Werd ich zum Strom, der schwatzend überquillt. 

Um Silberlohn verschachert ihr das Kind 
Und glaubet so den Plan des Herrn vernichtet. 
Mir aber ist ein goldner Thron errichtet 
In jenen Landen, die euch fremde sind. 

September 1946

Mai

 

Abdelhak Najib

Morgen sind wir im Land der Nacht,
Des nackten Überlebens.
Selbstbewusst und allein.

Die Schriften haben wir vernichtet.
Am Tage des Aufbruchs
Erfinden wir uns neu.

Hier und heute
Schweigt das Gedächtnis.
Hier und heute
Sind Wissen und Kennen nicht eins.

Um nie wieder zu schreiben
haben wir unsere Spuren gelöscht.
Heute ist unsere Sprache die Stille.
Das Vergessen unsere Geschichte

(Übersetzung: Annemarie Arnold-Kubina)

Nous entrons demain dans une terre de nuit et de nuditè.
Nous y entrons souverains.
Nous y entrons seuls.
La veille, nous avons égaré toutes les écritures
pour en inventer des nouvelles, le jour de depart.
Ici, aujourd’hui, la mémoire est muette.
Ici, aujourd’hui, le savoir n’est pas la connaisance.
A cet instant, nous avons enterré les dernières
cartouches du scribe amnésique pour ne plus écrire.
Aujourd’hui, nous avons le silence comme langue.
Aujourd’hui, nous avons l’oubli pour histoire.

April

 

Theodor Fontane zum Auftakt des Fontane-Jahres 

Theodor Fontane zum 200. Geburtstag 

Würd’ es mir fehlen, würd’ ich’s vermissen? (1888)

Heute früh, nach gut durchschlafener Nacht,
Bin ich wieder aufgewacht.
Ich setzte mich an den Frühstückstisch,
Der Kaffee war warm, die Semmel war frisch,
Ich habe die Morgenzeitung gelesen
(Es sind wieder Avancements gewesen)
Ich trat ans Fenster, ich sah hinunter,
Es trabte wieder, es klingelte munter,
Ein Schürze (beim Schlächter) hing über dem Stuhle,
Kleine Mädchen gingen nach der Schule – 
alles war freundlich, alles war nett,
Aber wenn ich weiter geschlafen hätt‘
und tät‘ von alledem nichts wissen,
Würd‘ es mir fehlen, würd‘ ich’s vermissen?

März

Angenehme Vorstellungen von Dingen,
die noch nicht sind, aber sein werden,
zum Beispiel im März,
wenn wieder einmal keine einzige Knospe zu sehen,
kein Frühlingslufthauch zu spüren ist,
während doch gegen Abend der Amselsturm sich erhebt. 

Blüten aus Terzen, Blätter aus Quinten, Sonne aus Trillern,
ganze Landschaften aus Tönen aufgebaut. 

Frühlingslandschaften,
rosa-weiße Apfelbäume vor blauen Gewitterwolken,
Sumpfdotterbäche talabwärts,
rötlicher Schleier über den Buchenwäldern,
Sonne auf den Lidern,

Sonne auf der ausgestreckten Hand.

Lauter Erfreuliches,
was doch auch in anderer Beziehung,
zum Beispiel in der Beziehung der Menschen zueinander,
eintreten könnte,
Freude, Erkennen.

Amselsturm hinter den Regenschleiern,
und wer sagt,
daß in dem undurchsichtigen Sack Zukunft
nicht auch ein Entzücken steckt?

Marie Luise Kaschnit

Februar

Winterwärme

Mit brennenden Lippen,
unter eisblauem Himmel,
durch den glitzernde Morgen hin,
in meinem Garten,
hauch ich, kalte Sonne, dir ein Lied.

Alle Bäume scheinen zu blühen;
von den reifrauhen Zweigen
streift dein Frühwind
schimmernde Flöckchen nieder,
gleichsam Frühlingsblendwerk;
habe Dank!

An meiner Dachkante hängt
Eiszapfen neben Zapfen,
starr,
die fangen zu schmelzen an.
Tropfen auf Tropfen blitzt,
jeder dem andern unvergleichlich,
mir ins Herz.

Richard Dehmel

Januar

Rezept

Jage die Ängste fort
und die Angst vor den Ängsten.
Für die paar Jahre
wird wohl alles noch reichen.
Das Brot im Kasten
und der Anzug im Schrank.

Sage nicht mein.
Es ist dir alles geliehen.
Lebe auf Zeit und sieh,
wie wenig du brauchst.
Richte dich ein.
und halte den Koffer bereit.

Es ist wahr, was sie sagen:
Was kommen muss, kommt.
Geh dem Leid nicht entgegen.
Und ist es da,
sieh ihm still ins Gesicht.
Es ist vergänglich wie Glück.

Erwarte nichts.
Und hüte besorgt dein Geheimnis.
Auch der Bruder verrät
geht es um dich oder ihn.
Den eignen Schatten nimm
zum Weggefährten.

Feg deine Stube wohl.
Und tausche den Gruß mit dem Nachbarn.
Flicke heiter den Zaun
und auch die Glocke am Tor.
Die Wunde in dir halte wach
unter dem Dach im Einstweilen.

Zerreiß deine Pläne. Sei klug
und halt dich an Wunder.
Sie sind lang schon verzeichnet
im großen Plan.
Jage die Ängste fort
und die Angst vor den Ängsten.

Mascha Kaleko