Monatsgedicht

  September

Utopie

Ich seh ein Land mit neuen Bäumen.
Ich seh ein Haus mit grünem Strauch.
Und einen Fluss mit flinken Fischen.
Und einen Himmel aus Hortensien seh ich auch.

Ich seh ein Licht von Unschuld weiß.
Und einen Berg, der unberührt.
Im Tal des Friedens geht ein junger Schäfer,
Der alle Tiere in die Freiheit führt.

Ich hör ein Herz, das tapfer schlägt,
In einem Menschen, den es noch nicht gibt,
Doch dessen Ankunft mich schon jetzt bewegt.
Weil er erscheint und seine Feinde liebt.

Das ist die Zeit, die ich nicht mehr erlebe,
Das ist die Welt, die nicht von unsrer Welt.
Sie ist von fein gesponnenen Gewebe,
Und Freunde, glaubt und seht: sie hält.

Das ist das Land, nach dem ich mich so sehne,
Das mir durch Kopf und Körper schwimmt,
Mein Sterbenswort und meine Lebenskantilene,
Dass jeder jeden in die Arme nimmt.

Hanns Dieter Hüsch

  August

Roter Mohn

Wenn im Sommer der rote Mohn
wieder glüht im gelben Korn,
wenn des Finken süßer Ton
wieder lockt im Hagedorn,
wenn es wieder weit und breit
feierklar und fruchtstill ist,
dann erfüllt sich uns die Zeit,
die mit vollen Massen misst.

Dann verebbt, was uns bedroht,
dann verweht, was uns bedrückt,
über dem Schlangenkopf der Not
ist das Sonnenschwert gezückt.

Glaube nur, es wird geschehn!
Wende nicht den Blick zurück!
Wenn die Sommerwinde wehn,
werden wir in Rosen gehn,
und die Sonne lacht uns Glück!

(Otto Bierbaum)

  Juli

Für Gerda Dürnhöfer und Wolfgang Tittor

Rainer Maria Rilke

Vor dem Sommerregen

Auf einmal ist aus allem Grün im Park
man weiß nicht wie, ein Etwas, fortgenommen;
man fühlt ihn näher an die Fenster kommen
und schweigsam sein. Inständig nur und stark

ertönt aus dem Gehölz der Regenpfeifer,
man denkt an einen Hieronymus:
so sehr steigt irgend Einsamkeit und Eifer
aus dieser einen Stimme, die der Gruß

erhören wird. Des Saales Wände sind
mit ihren Bildern von uns fortgetreten,
als dürften sie nicht hören, was wir sagen.

Es spiegeln die verblichenen Tapeten
das ungewisse Licht von Nachmittagen,
in denen man sich fürchtete als Kind.

  Juni

Herrschaftsfreiheit

Zu sagen
„Hier
herrscht Freiheit“
ist immer
ein Irrtum
oder auch
eine Lüge:

Freiheit
herrscht nicht.

Erich Fried

  Mai

Frühling 

Mit dem Akazienduft 
fliegt der Frühling 
in dein Erstaunen 

Die Zeit sagt  
ich bin tausendgrün  
und blühe  
in vielen Farben 

Lachend ruft die Sonne   
ich schenke euch wieder  
Wärme und Glanz 

Ich bin der Atem der Erde  
flüstert die Luft 

Der Flieder  
duftet  
uns jung 

Rose Ausländer

  April

Stile des Blühens

In einer Woche schießen plötzlich
(die Straßen noch voll Salz, nur Knoblauch grün)
Forsythien hervor in Buttergelb,
ein monotoner Schrei von Hecke jetzt
zu Hecke, Hof zu Hof, der in dem Ocker
der Ahornspitzen oben widerhallt.

Im Dunkel, das zur Teezeit einbricht, segeln,
wie Sterne, Blüten der Blutweiden
zum hohen Ziegelhause seitlich hin,
vergehn fast, schmelzend wie Schneeflocken,
im dünnen Morgenlicht der Frühlingssonne.

Des Flieders Seele explodiert
in einem Duft aus Creme, und traurig
bleibt jede Dolde noch bis Mittag,
welkt über Nacht papieren zur Erinnerung.

Der Blütenschaum des Weißdorn biegt
die Zweige nieder, wie nach einem Schauer,
weiß wie die Tugend, schlicht wie Wahrheit.
Die Sträucher bersten schon vor Ungeduld,
ihr Münzgold abzuwerfen. Sommer lastet schon.

John Updike

Übersetzt von: Heinrich Maria Ledig Rowohlt

  März

Frühlingsglaube

Es wandert eine schöne Sage
Wie Veilchenduft auf Erden um,
Wie sehnend eine Liebesklage
Geht sie bei Tag und Nacht herum.

Das ist das Lied vom Völkerfrieden
Und von der Menschheit letztem Glück,
Von goldner Zeit, die einst hienieden,
Der Traum als Wahrheit, kehrt zurück.

Wo einig alle Völker beten
Zum einen König, Gott und Hirt:
Von jenem Tag, wo den Propheten
Ihr leuchtend Recht gesprochen wird.

Dann wird’s nur eine Schmach noch geben,
Nur eine Sünde in der Welt:
Des eigen Neides Widerstreben,
Der es für Traum und Wahnsinn hält.

Wer jene Hoffnung gab verloren
Und böslich sie verloren gab,
Der wäre besser ungeboren:
Denn lebend wohnt er schon im Grab.

Gottfried Keller

  Februar

Die Geschäftigen

Nicht einen Hauch vergeuden sie, nicht Einen,
  Nein. Alles wird gleich für den Markt geboren,
  Kein Herzensschlag geht ohne Zins verloren,
Die Herren machen Brot aus ihren Steinen.

Sie machen Brot aus Lachen und Weinen –
  Ich hab‘ mir die Beschaulichkeit erkoren,
  Und niemals streng gerechnet mit den Horen,
Ich denke fromm: „Gott gibt’s im Schlaf den Seinen!“  

  Ich kann des Lebens bang geschäftig Rauschen,
  Dies laute Tun und Treiben nicht verstehn,
Und möcht‘ mein einsam Glück nicht drum vertauschen.

  Lasst mich die steilen Pfade weiter gehn,
  Der Wolken und der Sterne Zug belauschen,
Und schönen Kindern in die Augen sehn!

Georg Herwegh

Januar

Neujahrslied

Mit der Freude zieht der Schmerz
traulich durch die Zeiten.
Schwere Stürme, milde Weste,
bange Sorgen, frohe Feste
wandeln sich zu Zeiten.

Und wo eine Träne fällt,
blüht auch eine Rose.
Schon gemischt, noch eh wir’s bitten,
ist für Throne und für Hütten
Schmerz und Lust im Lose.

War’s nicht so im alten Jahr?
Wird’s im neuen enden?
Sonnen wallen auf und nieder,
Wolken gehn und kommen wieder
und kein Mensch wird’s wenden.

Gebe denn, der über uns
wägt mit rechter Waage,
jedem Sinn für seine Freuden,
jedem Mut für seine Leiden
in die neuen Tage,

jedem auf dem Lebenspfad
einen Freund zur Seite,
ein zufriedenes Gemüte
und zu stiller Herzensgüte
Hoffnung ins Geleite!

Johann Peter Hebel (1760-1826)