Lektüreseminar in Bad Wildbad
Bad Wildbad im Schwarzwald
2. – 6. November 2026
Rainer Maria Rilke: Gedichte
Prof. Dr. H.-R. Brittnacher, Berlin
Vor einhundert Jahren ist Rilke, der Dichter der Angst, des Todes und der Liebe, gestorben. Er ist der vielleicht einflussreichste Lyriker deutsche Sprache im 20. Jahrhundert, weniger hermetisch als Paul Celan oder Ingeborg Bachmann, weniger politisch kompromittiert als Gottfried Benn, weniger verstiegen als Stefan George.
Sein einzigartiges lyrisches Werk reicht zunächst vom – oft: kitschnahen – Jugendstil (Mir zur Feier, 1897; Stundenbuch, 1905), über die lyrische Erzählung Die Weise von Leben und Tod des Cornets Christoph Rilke, 1912, einem Tornisterbuch der Soldaten des Ersten Weltkriegs, hunderttausendfach gedruckt und vielleicht auch gelesen, bis zum „sachlichen Sagen“ der Neuen Gedichte (1907 + 1908), der sogenannten Dinggedichte, die Rilkes Ruhm als Lyriker endgültig begründeten.
Mit seinem einzigen, komplexen Roman Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge (1912), dem exemplarischen Roman der Krise der modernen Welt, beginnt eine Phase, in der Rilke sich der Angst und dem Lebensekel zuwendet, einem bislang eher gemiedenen Aspekten der ästhetischen Moderne. Jetzt thematisiert er auch das Hässliche, das Kranke und das Ärmliche, bis er nach einer längeren Zeit der Krise, des Zweifels und des Grübelns schließlich in einem wahren Schaffensrausch zur ekstatischen Daseinsbejahung in seinem Spätwerk (der Duineser Elegien, 1922, und der Sonette an Orpheus, 1923) gelangt, in denen sich sein einzigartiges lyrisches Idiom vollendet.
Generationen von Schülern habe an seinen in die Dinge versunkenen Neuen Gedichten – z.B. Panther, Karussell, Archaischer Torso Apoll – lernen müssen, wie die Außerkraftsetzung herkömmlicher Sehgewohnheiten – „ihr bringt mir noch alle die Dinge um!“ – und eine Verskunst von betörendem Klangreichtum die Dinge neu sehen lehren: „Ich will die Dinge lieben so wie keiner“.
Als Privatsekretär Rodins entwickelt Rilke schließlich eine unendliche Geduld des Sehens, die seinen kunsttheoretischen Betrachtungen zu Auguste Rodin und Paul Cézanne ihre besondere Intensität verleiht.
In seinem Roman hingegen hat Rilke seinen beiden Lebensthemen zu besonderem Gewicht verholfen. Die Vorstellung des eigenen, von jedem selbst zu leistenden Tod, und seine Lehre von der intransitiven Liebe, die gar nicht erhört werden will, sondern, wie die Flamme der Kerze selbstlos brennend, sich verzehrt. Nach Jahren der Krise, des Zweifels und Suchens findet Rilke, heimatlos und doch stets gefördert und begünstigt von nach Dutzenden zu zählenden Gräfinnen, Mäzeninnen und begüterten Witwen, die ihm Kost, Logis und Bedienung auf Schlössern und in noblen Suiten gewährten, schließlich auf Schloss Duino (bei Triest) und in Muzot (im Schweizer Wallis) zu der innovativen Elegien- und Sonettdichtung des Spätwerks.
Wir werden in unserem Kurs an einer Auswahl von Rilkes Gedichten aus den verschiedenen Werkphasen die Eigentümlichkeit und die Entwicklung von Rilkes Poetik, seinen spezifischen sound, näher studieren. Die Fülle der Formen und Themen seiner Gedichte gebietet eine Konzentration auf das lyrische Werk. Die Essays zur Kunst, den einen oder anderen seiner (weitgehend noch gar nicht erschlossenen, wohl an die 30 000) Briefe und einige Passagen aus dem Malte zu Liebe und Tod werden wir lediglich an wenigen ausgewählten Passagen erörtern, um uns überwiegend den Gedichten widmen zu können.
Textgrundlage:
Als Textgrundlage sei die einbändige Ausgabe sämtlicher Gedichte im Insel Verlag (Rainer Maria Rilke:
Die Gedichte, TB 14,00 Euro) empfohlen, andere Texte werden vorab in einem Reader zur Verfügung gestellt.
Der Dozent:
Prof. Dr. Hans Richard Brittnacher lehrte Neuere Deutsche Literatur an der Freien Universität Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Ästhetik des Phantastischen, die Darstellung von Minderheiten, die Literaturgeschichte der Goethezeit, Literatur und Religion und die Abenteuerliteratur. Wichtige Veröffentlichungen: Ästhetik des Horrors. Gespenster, Vampire, Monster, Teufel und künstliche Menschen in der phantastischen Literatur. Frankfurt/Main 1994; Leben auf der Grenze. Klischee und Faszination des Zigeunerbildes in Literatur und Kunst. Göttingen 2012. Seenöte, Schiffbrüche, feindliche Wasserwelten – Ozeanische Schreibweisen der Gefährdung und des Untergangs, hg. von Hans Richard Brittnacher und Achim Küpper, Göttingen 2018.
Seminarzeiten:
1. Tag 18.00: Abendessen, 19.30-20.30
2. und 4. Tag 09.30-10.30/11.00-12.00 und 16.00-18.00
3. Tag 09.30-10.30/11.00-12.00
5. Tag 09.30-10.30/11.00-12.00
Die Teilnehmerzahl ist auf 20 Personen pro Seminar beschränkt.
Mindestteilnehmerzahl sind 12 Personen.
Kursgebühr:
280,– €
Anmeldung:
Hotel Bergfrieden
75323 Bad Wildbad
Baetznerstr. 78
Tel: (07081) 17040
empfang@hotelbergfrieden.de