Samstag, 10. – Mittwoch, 14. Oktober 2026
Thomas Hardy
Der ‚Schmerz der Moderne‘: Tess of the D’Urbervilles
im Kontext der spätviktorianischen Literatur
Prof. Dr. Norbert Lennartz, Vechta
Heute aus der vorderen Reihe der kanonischen Klassiker herausgefallen, war Thomas Hardys Roman Tess of the D’Urbervilles bei seinem Erscheinen im Jahr 1891 ein veritabler Skandal: Von einem dandyistischen Neureichen verführt und geschändet galt Tess nach dem unerbittlichen Moralkodex der Viktorianer als ‚gefallene Frau‘, als Ausgestoßene; und so sah dies auch ihr Ehemann, Angel Clare, ein mit dem Neu-Heidentum Kokettierender und vermeintlicher Freidenker, der noch in der Hochzeitsnacht seine Frau verstößt. Dass Hardy seinem Roman den brisanten Untertitel ‚A Pure Woman‘ (‚Eine reine Frau‘) gibt und damit die Moralhüter des späten 19. Jahrhunderts, die sog. Grundyisten, provoziert, führt letztlich dazu, dass Hardy nach der Publikation eines weiteren kontroversen Romans, Jude the Obscure 1895, das Schreiben von narrativer Prosa einstellt und sich fortan ausschließlich der Dichtung und dem Versdrama widmet.
Schon in seinen ersten Romanen stellt Hardy unter Beweis, dass seine Etikettierung als ‚regionaler‘ Schriftsteller irreführend ist; die auf die angelsächsische Region Wessex (heute die Gebiete um Dorset und Somerset) fokussierten Handlungen führen wie unter einem Brennglas vor, worunter das gesamte viktorianische Zeitalter zu kranken schien: Intoleranz, religiöse Bigotterie, veraltete Geschlechterrollen und eine Sexualmoral, die sich desaströs auf das Leben von Frauen auswirkte. Der Sentimentalität der Dickens-Romane eine klare Absage erteilend, stehen Hardys Romane in einer Reihe mit Flauberts Madame Bovary, Fontanes Effi Briest oder Eliots Mill on the Floss – Romane, die den Realismus noch nicht in die Niederungen des Naturalismus Zola’scher Prägung überführen, vielmehr den ‚Schmerz der Moderne‘ („the ache of modernism“) mit symbol¬istischen Mitteln und Bildern tragisch verdichten.
Textgrundlage:
Im Zentrum des Seminars steht der Roman Tess, übersetzt von Helga Schulz, dtv 2015.
Anhand von Exkursen in die Literatur-, Kunst- und Kulturgeschichte der sog. Yellow Nineties (der 1890er) werden wir diesen Roman in einen breiten zeitgeschichtlichen Kontext stellen.
Der Dozent:
Prof. Dr. Norbert Lennartz (geb. 1963) ist seit 2011 Professor für Anglistische Literaturwissenschaft an der Universität Vechta; von 2014-2016 war er Vizepräsident der Universität Vechta und 2022 Gastprofessor an der Universität Parma. 1992 von Königin Elizabeth II persönlich mit dem Queen’s Prize für herausragende akademische Leistungen geehrt, wurde er 1998 in Bonn promoviert mit einer Studie über das Absurde in der Literatur vor dem absurden Theater; 2003 schloss er in Bonn sein Habilitationsprojekt über die Darstellung des Körpers und der Erotik in der Literatur und Kunst des Barock ab.
Seine Forschungsschwerpunkte sind derzeit die Romantik, das Viktorianische Zeitalter (Dickens, Hardy, Wilde), das Fin de Siècle und der Modernismus (Joyce, D.H. Lawrence), zu denen er in namhaften internationalen Zeitschriften und Sammelbänden publiziert hat.
Seit 1994 ist er regelmäßig als Seminarleiter an Erwachsenenbildungseinrichtungen tätig.
Seminarzeiten:
1. Tag 19.30-21.00 (18.00: Abendessen)
2. und 4. Tag 09.30-10.30/11.00-12.00 und 16.00-18.00
3. Tag 09.30-10.30/11.00-12.00
5. Tag 09.30-10.30/11.00-12.00
Kursgebühr:
260,00 €
Organisation:
Anmeldung:
Hotel Graf Bentinck, Dauenser Str. 7, 26316 Varel-Dangast, Tel. 04451/139-0, info@bentinck.de, www.bentinck.de