Bäderliteratur - Humor und Melancholie des Kurbetriebs
Sonntag, 7.– Donnerstag, 11. März 2027
Bäderliteratur –
Humor und Melancholie des Kurbetriebs
PD Dr. Tanja van Hoorn, Hannover
Badekuren gibt es seit der Antike; seit dem 17. Jahrhundert kamen zunächst Trinkkuren, im 19. Jahrhundert auch Moor-Heilbäder hinzu. Noch um 1900 sind Karlsbad oder Baden-Baden groß in Mode – man verbindet Sommerfrische mit leibseelischer Erquickung, tut etwas für die Gesundheit und lässt es sich ansonsten gut gehen. Denn Kurorte boten weit mehr als nur Heilquellen: Architektonisch reizvolle Wandelhallen, gepflegte Parkanlagen, Theater, Ballsäle und Casinos sorgten dafür, dass sie zu einem ‚Who is Who‘ der vornehmen Welt avancierten; sie waren Vergnügungsorte, Orte der Amouren und Abstürze.
So lernte Marie von Ebner-Eschenbach (1830–1916) bei mehreren Kuraufenthalten das erst 1793 gegründete Franzensbad kennen, einen Ort, der heute als Perle der Böhmischen Bäderarchitektur gilt. In ihren satirischen Reisebriefen Aus Franzensbad (1858) zeichnet sie ein scharfes Porträt der blasierten, größtenteils weiblichen Kurgesellschaft. Die offene Form der Briefnovelle nutzt sie aber auch für Literaturkritik, politische Statements und Szenen mit schalkhaftem Witz.
Dass eine Kur den Menschen in ganz neue Gesellschaften zwingt, das erfährt auch der naturbegeisterte, sonst eher mit den Lebensreformern am Monte Verità durch die Gegend spazierende Hermann Hesse (1877–1962). Schon als Mittvierziger musste er sich im schweizerischen Baden an der Limmat aufgrund seiner Gicht einer Bäderkur unterziehen – eine ambivalente Zeit, von der er in seinem humoristischen, sozialgeschichtlich- diagnostischen, aber auch sich selbsterforschenden Text Kurgast (1925) anschaulich berichtet.
An Kurorten treffen sich Literaten, sie knüpfen Kontakte und spinnen Intrigen – wiederum ein wunderbarer Gegenstand für Romane… Der Begründer der Salzburger Festspiele und Verfasser u.a. des berühmten ‚Chandosbriefes‘, Hugo von Hofmannsthal (1847–1929), kurte sommers gern in dem seinerzeit mondänen, heute verfallenen Kur-Örtchen Bad Fusch. Es liegt auf 1200 m Höhe im österreichischen Pinzgau in der Großglocknergegend und war seit dem Mittelalter für seine Heilquellen berühmt. Walter Kappacher zeigt den alternden Schriftsteller Hofmannsthal in seinem Roman Der Fliegenpalast (2009), wie er noch einmal nach Bad Fusch zurückkehrt und halb grämlich, halb abgeklärt über sein Leben und Schreiben räsoniert, was in Kappachers Gegenwartsroman in einer furiosen Montage Gestalt annimmt. Spätestens an dieser Stelle lohnt ein Blick zurück auf den alternden Johann Wolfgang Goethe (1749–1832), der seine letzte Liebe, die mehr als ein halbes Jahrhundert jüngere Ulrike von Levetzow, in formal vollendeter und geradezu melodramatischer Trauergeste verabschiedet – in seiner berühmten „Marienbader Elegie“ (1827).
Das Seminar erkundet die Tradition der Bäderliteratur an vier Fallbeispielen und vor dem Hintergrund einer Literatur- und Kulturgeschichte der Kur. Lesen Sie doch bitte in Vorfreude auf Ihre Literaturferien schon einmal die vier genannten Texte – so können wir vor Ort umso genauer diskutieren.
Textgrundlagen:
Marie von Ebner-Eschenbach: Aus Franzensbad. Sechs Episteln von keinem Propheten. / Das Gemeindekind. Salzburg: Residenz 2019.
Hermann Hesse: Kurgast. Aufzeichnungen von einer Badener Kur. [verschiedene Ausgaben im Buchhandel erhältlich; empfehlenswert wg. des guten Nachworts ist folgende – über Online-Antiquariate wie booklooker.de, zvab o.ä. problemlos zugängliche – Ausgabe: Hermann Hesse: Kurgast. Aufzeichnungen von einer Badener Kur. Mit einem Nachwort von Volker Michels. Frankfurt a.M.: Insel Taschenbuch 1999]
Walter Kappacher: Der Fliegenpalast. St. Pölten – Salzburg: Residenz Verlag 2009. [als e-book im Buchhandel greifbar; als Buch antiquarisch erhältlich über Online-Antiquariate wie booklooker.de, zvab o.ä.]
Johann Wolfgang von Goethe: Marienbader Elegie (wird zur Verfügung gestellt)
Die Dozentin:
PD Dr. Tanja van Hoorn studierte Germanistik und Sozialpsychologie, promovierte über Georg Forster im Kontext der physischen Anthropologie (2004) und habilitierte sich mit einer Monographie über Naturgeschichte in der ästhetischen Moderne (2016). Gast- und Vertretungsprofessuren führten sie nach Oldenburg, Cincinnati, Bologna, Berlin (FU) sowie an die Ruhr-Universität Bochum. Sie forschte am Interdisziplinären Europäischen Aufklärungszentrum in Halle /Saale (IZEA) und lehrt heute – auch im Rahmen des Gasthörendenstudiums – an der Leibniz Universität Hannover. In ihren aktuellen Studien widmet sie sich insbesondere Fragen der Naturdarstellung (Avifauna aesthetica [Hg., 2021]; Nature Writing [Hg., 2023]).
Seminarzeiten:
1. Tag 18.00: Abendessen, 19.30-20.30
2. und 4. Tag 09.30-10.30/11.00-12.00 und 16.00-18.00
3. Tag 09.30-10.30/11.00-12.00
5. Tag 09.30-10.30/11.00-12.00
Die Teilnehmerzahl ist auf 20 Personen pro Seminar beschränkt.
Mindestteilnehmerzahl sind 12 Personen.
Kursgebühr:
280,– €
Anmeldung:
Hotel Bergfrieden
75323 Bad Wildbad
Baetznerstr. 78
Tel: (07081) 17040
empfang@hotelbergfrieden.de