Lesewinter in Bad Wildbad

Lesewinter in Bad Wildbad

Dienstag, 2. – Freitag, 5. Februar 2021

Geld erzählt die Welt.
Ökonomie und Finanzmärkte als Provokation
und Lieblingsgegenstand der Literatur ab 2000

Karsten Becker, MSt (Oxford)

Literatur, Film und Kunst auf der einen Seite, Ökonomie, Geld und Märkte auf der anderen – in der öffentlichen Wahrnehmung und medialen Debatte geht man bis heute gemeinhin davon aus, dass es sich dabei um völlig getrennte, ja sogar inkompatible Bereiche handelt: Der Markt als das prototypisch Vernünftige, Literatur und Film dagegen als das fiktional „Erfundene“ und bisweilen Irrationale. Dass die Zuschreibungen jedoch brüchig und mittlerweile hinfällig sind, kristallisierte sich im Zuge von großen Spekulationsblasen immer deutlicher heraus, etwa in der Nachfolge der New Economy Bubble um die Jahrtausendwende oder der US-Immobilienblase in den Nullerjahren. „Das Fiktive [hat] das Reale überwuchert“, sagte die österreichische Autorin Kathrin Röggla bereits 2009 in ihrem Wiener Vortrag Gespensterarbeit, Krisenmanagement und Weltmarktfiktion.
Die Finanz- und Wirtschaftskrisen der vergangenen 20 Jahre stellten nicht nur die Weltsicht von Ökonominnen und Ökonomen auf den Kopf. Schriftstellerinnen und Schriftsteller nehmen seit einigen Jahren zunehmend die Kontexte und Abläufe der Geldwirtschaft in den Blick. Das Ausmaß an Fiktionalität und Gier auf den Finanzmärkten provoziert sie zu künstlerischen Bearbeitungen derselben. Während sich die Volkswirtschaften bis heute um plausible Krisenerklärungen bemühen, stellt die Literatur die Frage nach der generellen Darstellmöglichkeit und Erzählbarkeit von Welt- und Geldmärkten in den Mittelpunkt. Literatur sieht in dem Austausch- und Repräsentationsmedium Geld auch ein Konkurrenzmedium, das die Welt, die Verhältnisse und die Beziehungen der Individuen in ähnlicher Weise abzubilden versucht wie Text.
„Literarischer Text und spekulatives Zeichenspiel stellen gleichermaßen ein Lektüreproblem“, schreibt Joseph Vogl in seiner Studie Das Gespenst des Kapitals (2010). Diesem „Lektüreproblem“ soll sich während der viertägigen Veranstaltung aus verschiedenen Perspektiven genähert werden. Die drei im Fokus stehenden Texte finden durch überraschend eigenwillige Erzähl- und Sprachkonstruktionen einen literarischen Weg, ökonomische Weltbilder und Lehrmeinungen zur Disposition zu stellen und gleichzeitig einen konturierten Widerhall des sonst so undurchdringlichen Finanzmarktgeschehens zu geben.

Texte:
Kathrin Röggla: Wir schlafen nicht. Roman. Frankfurt am Main: S. Fischer 2004
Jonas Lüscher: Frühling der Barbaren. Novelle. München: C. H. Beck 2013
Ernst-Wilhelm Händler: Das Geld spricht. Frankfurt am Main: S. Fischer 2019

1 Kathrin Röggla: Gespensterarbeit, Krisenmanagement und Weltmarktfiktion.
Wien 2009 (= Wiener Vorlesungen im Rathaus. Edition Gesellschaftskritik 6), S. 17.
2 Joseph Vogl: Das Gespenst des Kapitals. Zürich 2010/2012, S. 21.

 

Der Dozent:
Karsten Becker studierte Germanistik, Betriebswirtschaftslehre und Politikwissenschaft in Bamberg und Oxford. Seit 2016 lehrt und forscht er bei Prof. Dr. Friedhelm Marx zur Darstellung von Finanzkrisen und Geldströmen in der Literatur. Gerade erschien sein Sammelband „Erzähltes Geld. Finanzmärkte und Krisen in Literatur, Film und Medien“ (Würzburg: Königshausen & Neumann 2020). Er ist Mitglied und Promovierendenvertreter der Bamberger Graduiertenschule für Literatur, Kultur und Medien (BaGraLCM). Seine Forschungs- und Lehrschwerpunkte liegen im Begegnungsbereich von Ökonomie und Literatur sowie im Feld der Digital Humanities.

Seminarzeiten:
1. Tag: 16.00 – 18.00 Uhr, anschließend gemeinsames Abendessen
2. Tag: 09.30 – 10.30 Uhr und 11.00 – 12.00 Uhr und 16.00 – 18.00 Uhr
3. Tag: 09.30 – 10.30 Uhr und 11.00 – 12.00 Uhr und 16.00 – 18.00 Uhr
4. Tag: 09.30 – 10.30 Uhr und 11.00 – 12.00 Uhr

Kursgebühr: € 180.-

Organisation: 

Annegret Wolfram, www.literaturferien.de, 0711-2367813

Anmeldung:
Hotel Bergfrieden
75323 Bad Wildbad
Baetznerstr. 78
Tel: (07081) 17040, Fax: 170420
info@hotelbergfrieden.de

Hotel Rhein-Residenz