Monatsgedicht

Juni

Wer das versteht: die Sonne zu genießen,
die kurzer Fahrt den kühlen Himmel grüßt,
wer das versteht: mit Tagen hinzufließen,
indem er auch die trüberen genießt,

wer das versteht: sich allem aufzuschließen,
was sich auch immer scheu in ihm verschließt,
wer das versteht: mit Dingen, die ihn ließen,
zu sein, als hätt er sie nicht eingebüßt,

wer das verstünd: nun aber wendet sich
das Lied und sagt, bevor es schweigt,
mit Lächeln: Reichtum ist in jedem Ding.

Auch ein verdorrtes Blatt dünkt königlich,
wenn über ihm sich Liebe neigt,
nur ohne Liebe wär die Welt gering.

Rudolf Alexander Schröder

Mai

Stile des Blühens

In einer Woche schießen plötzlich
(die Straßen noch voll Salz, nur Knoblauch grün)
Forsythien hervor in Buttergelb,
ein monotoner Schrei von Hecke jetzt
zu Hecke, Hof zu Hof, der in dem Ocker
der Ahornspitzen oben widerhallt.

Im Dunkel, das zur Teezeit einbricht, segeln,
wie Sterne, Blüten der Blutweiden
zum hohen Ziegelhause seitlich hin,
vergehn fast, schmelzend wie Schneeflocken,
im dünnen Morgenlicht der Frühlingssonne.

Des Flieders Seele explodiert
in einem Duft aus Creme, und traurig
bleibt jede Dolde noch bis Mittag,
welkt über Nacht papieren zur Erinnerung.

Der Blütenschaum des Weißdorns biegt
die Zweige nieder, wie nach einem Schauer,
weiß wie die Tugend, schlicht wie Wahrheit.
Die Sträucher bersten schon vor Ungeduld,
ihr Münzgold abzuwerfen. Sommer lastet schon.

John Updike

April

An den Frühling

Noch immer, Frühling, bist du nicht
Gekommen in mein Tal,
Wo ich dein liebes Angesicht
Begrüßt das letztemal.

Noch stehn die Bäume dürr und bar
Um deinen Weg herum
Und strecken, eine Bettlerschar,
Nach dir die Arme krumm.

Frühblumen wähnten dich schon hier,
Frost bringt sie um ihr Glück,
Sie sehnten sich heraus nach dir
Und können nicht zurück.

Die Schwalbe fliegt bestürzt umher
Und ruft nach dir voll Gram,
Bereut schon, daß sie übers Meer
Zu früh herüberkam.

Nikolaus Lenau

März

Wollte nicht der Frühling kommen?
War nicht schon die weiße Decke
von dem Rasenplatz genommen
gegenüber an der Ecke?
Nebenan die schwarze Linde
ließ sogar schon (sollt ich denken)
von besonntem Märzenwinde
kleine, grüne Knospen schwenken.
In die Herzen kam ein Hoffen,
in die Augen kam ein Flüstern –
und man ließ den Mantel offen,
und man blähte weit die Nüstern …

Ja, es waren schöne Tage.
Doch sie haben uns betrogen.
Frost und Sturm und Schnupfenplage
sind schon wieder eingezogen.
Zugeknöpft bis an den Kiefer
flieht der Mensch die Gottesfluren,
wo ein gelblichweißer, tiefer
Schnee versteckt die Frühlingsspuren.
Sturmwind pfeift um nackte Zweige,
und der Rasenplatz ist schlammig.
In mein Los ergeben neige
ich das Auge. Gottverdammich!

Erich Mühsam

Februar

Auch nach 400 Jahren noch aktuell…

Friedrich von Logau (1604- 1655)

Anders sein, und anders scheinen,
anders reden, anders meinen,
alles loben, alles tragen,
alles heucheln, stets behagen,
allem Winde Segel geben,
Bös- und Gutes dienstbar leben,
alles Tun und alles Dichten
bloß auf eigenen Nutzen richten:
wer sich dessen will befleißen,
kann politisch heuer heißen.

Januar

Der Winter

Das Feld ist kahl, auf ferne Höhe glänzet
Der blaue Himmel nur, und wie die Pfade gehen,
Erscheinet die Natur, als Einerlei, das Wehen
Ist frisch, und die Natur von Helle nur umkränzet.

Der Erde Stund ist sichtbar von dem Himmel
Den ganzen Tag, in heller Nacht umgeben,
Wenn hoch erscheint von Sternen das Gewimmel,
Und geistiger das weit gedehnte Leben.

Friedrich Hölderlin