Monatsgedicht

September

Astern -, schwälende Tage,
alte Beschwörung, Bann,
die Götter halten die Waage
eine zögernde Stunde an.

Noch einmal die goldenen Herden
der Himmel, das Licht, der Flor,
was brütet das alte Werden
unter den sterbenden Flügeln vor?

Noch einmal das Ersehnte,
den Rausch, der Rosen Du -,
der Sommer stand und lehnte
und sah den Schwalben zu,

noch einmal ein Vermuten,
wo längst Gewissheit wacht:
die Schwalben streifen die Fluten
und trinken Fahrt und Nach.

Gottfried Benn

August

Hundstage

Wie nun am dürren Ginsterhang,
Im braunen Stein, im goldnen Staub,
Im gilbenden Akazienlaub
der Sommer seinen Überschwang
Austobt und in sich selbst verbrennt!
Aus dürrer Schote knistern schwarze Kerne,
Und abends hängen schwer die Sterne
Wie überreif am Firmament,
Das wie ein Puls im Fieber pocht
Und von verhaltnen Wettern kocht.
Wo eben noch in frohen Schauern
Das Leben feucht und spielend rann,
Keucht Sommer wütend hügelan
Der Höhe zu. Er will nicht dauern,
Er lechzt nach Rausch und Opferglück,
Ihn rief der Tod: auf hagrem Pferde
Jagt er voran und lässt die Erde
Erschöpft, verblüht, verbrannt zurück.
Und seufzend reckt sich Laub und Gras
Und raschelt hart und klirrt wie Glas.
Hermann Hesse

Juli

Der unbegangene Weg

In einem gelben Wald, da lief die Straße auseinander,
Und ich, betrübt, daß ich, ein Wanderer bleibend, nicht
Die beiden Wege gehen konnte, stand
Und sah dem einen nach so weit es ging:
Bis dorthin, wo er sich im Unterholz verlor.

Und schlug den andern ein, nicht minder schön als jener,
Und schritt damit auf dem vielleicht, der höher galt,
Denn er war grasig und er wollt begangen sein,
Obgleich, was dies betraf, die dort zu gehen pflegten,
Sie beide, den und jenen, gleich begangen hatten.

Und beide lagen sie an jenem Morgen gleicherweise
Voll Laubes, das kein Schritt noch schwarzgetreten hatte.
Oh für ein andermal hob ich mir jenen ersten auf!
Doch wissend, wie’s mit Wegen ist, wie Weg zu Weg führt,
Erschien mir zweifelhaft, daß ich je wiederkommen würde.

Dies alles sage ich mit einem Ach darin dereinst
Und irgendwo nach Jahr und Jahr und Jahr:
Im Wald, da war ein Weg, der Weg lief auseinander,
Und ich – ich schlug den einen ein, den weniger begangenen,
Und dies war der ganze Unterschied.

Robert Lee Frost
übersetzt von Paul Celan

Juni

Wer das versteht: die Sonne zu genießen,
die kurzer Fahrt den kühlen Himmel grüßt,
wer das versteht: mit Tagen hinzufließen,
indem er auch die trüberen genießt,

wer das versteht: sich allem aufzuschließen,
was sich auch immer scheu in ihm verschließt,
wer das versteht: mit Dingen, die ihn ließen,
zu sein, als hätt er sie nicht eingebüßt,

wer das verstünd: nun aber wendet sich
das Lied und sagt, bevor es schweigt,
mit Lächeln: Reichtum ist in jedem Ding.

Auch ein verdorrtes Blatt dünkt königlich,
wenn über ihm sich Liebe neigt,
nur ohne Liebe wär die Welt gering.

Rudolf Alexander Schröder

Mai

Stile des Blühens

In einer Woche schießen plötzlich
(die Straßen noch voll Salz, nur Knoblauch grün)
Forsythien hervor in Buttergelb,
ein monotoner Schrei von Hecke jetzt
zu Hecke, Hof zu Hof, der in dem Ocker
der Ahornspitzen oben widerhallt.

Im Dunkel, das zur Teezeit einbricht, segeln,
wie Sterne, Blüten der Blutweiden
zum hohen Ziegelhause seitlich hin,
vergehn fast, schmelzend wie Schneeflocken,
im dünnen Morgenlicht der Frühlingssonne.

Des Flieders Seele explodiert
in einem Duft aus Creme, und traurig
bleibt jede Dolde noch bis Mittag,
welkt über Nacht papieren zur Erinnerung.

Der Blütenschaum des Weißdorns biegt
die Zweige nieder, wie nach einem Schauer,
weiß wie die Tugend, schlicht wie Wahrheit.
Die Sträucher bersten schon vor Ungeduld,
ihr Münzgold abzuwerfen. Sommer lastet schon.

John Updike

April

An den Frühling

Noch immer, Frühling, bist du nicht
Gekommen in mein Tal,
Wo ich dein liebes Angesicht
Begrüßt das letztemal.

Noch stehn die Bäume dürr und bar
Um deinen Weg herum
Und strecken, eine Bettlerschar,
Nach dir die Arme krumm.

Frühblumen wähnten dich schon hier,
Frost bringt sie um ihr Glück,
Sie sehnten sich heraus nach dir
Und können nicht zurück.

Die Schwalbe fliegt bestürzt umher
Und ruft nach dir voll Gram,
Bereut schon, daß sie übers Meer
Zu früh herüberkam.

Nikolaus Lenau

März

Wollte nicht der Frühling kommen?
War nicht schon die weiße Decke
von dem Rasenplatz genommen
gegenüber an der Ecke?
Nebenan die schwarze Linde
ließ sogar schon (sollt ich denken)
von besonntem Märzenwinde
kleine, grüne Knospen schwenken.
In die Herzen kam ein Hoffen,
in die Augen kam ein Flüstern –
und man ließ den Mantel offen,
und man blähte weit die Nüstern …

Ja, es waren schöne Tage.
Doch sie haben uns betrogen.
Frost und Sturm und Schnupfenplage
sind schon wieder eingezogen.
Zugeknöpft bis an den Kiefer
flieht der Mensch die Gottesfluren,
wo ein gelblichweißer, tiefer
Schnee versteckt die Frühlingsspuren.
Sturmwind pfeift um nackte Zweige,
und der Rasenplatz ist schlammig.
In mein Los ergeben neige
ich das Auge. Gottverdammich!

Erich Mühsam

Februar

Auch nach 400 Jahren noch aktuell…

Friedrich von Logau (1604- 1655)

Anders sein, und anders scheinen,
anders reden, anders meinen,
alles loben, alles tragen,
alles heucheln, stets behagen,
allem Winde Segel geben,
Bös- und Gutes dienstbar leben,
alles Tun und alles Dichten
bloß auf eigenen Nutzen richten:
wer sich dessen will befleißen,
kann politisch heuer heißen.

Januar

Der Winter

Das Feld ist kahl, auf ferne Höhe glänzet
Der blaue Himmel nur, und wie die Pfade gehen,
Erscheinet die Natur, als Einerlei, das Wehen
Ist frisch, und die Natur von Helle nur umkränzet.

Der Erde Stund ist sichtbar von dem Himmel
Den ganzen Tag, in heller Nacht umgeben,
Wenn hoch erscheint von Sternen das Gewimmel,
Und geistiger das weit gedehnte Leben.

Friedrich Hölderlin