Monatsgedicht

Oktober

Sommersneige

Der grüne Sommer ist so leise
Geworden, dein kristallenes Antlitz.
Am Abendweiher starben die Blumen,
Ein erschrockener Amselruf.

Vergebliche Hoffnung des Lebens. Schon rüstet
Zur Reise sich die Schwalbe im Haus
Und die Sonne versinkt am Hügel;
Schon winkt zur Sternenreise die Nacht.

Stille der Dörfer; es tönen rings
Die verlassenen Wälder. Herz,
Neige dich nun liebender
Über die ruhige Schläferin.

Der grüne Sommer ist so leise
Geworden und es läutet der Schritt
Des Fremdlings durch die silberne Nacht.
Gedächte ein blaues Wild seines Pfads,

Des Wohllauts seiner geistlichen Jahre!

Georg Trakl

 

September

Ein einunddreißigster August

Das war der letzte leuchtende August;
der Sommer gipfelte in diesem Tage.
Und Glück erklang wie eine Seegrundsage
in den Vinetatiefen unserer Brust.

Ein leises fernes Läuten kam gegangen –
und welche wollten selbst die Türme sehen,
in denen unsres Glückes Glocken schwangen:
so klar ließ Flut und Himmel sie verstehn.

Der Tag versank. Mit ihm Vinetas Stunde.
Septembrisch ward die Welt, das Herz, das Glück.
Ein Rauch nur wie von Tönen blieb zurück
und schwärmt noch über dem verschwiegenen Grunde.

Christian Morgenstern

 

August

In memoriam Peter Härtling

der sommer geht

der sommer geht in schuhen aus ton
die zerbrechen wenn keiner sie abends kühlt

so badet der sommer in flüssen den schritt
und kühlt seine schuh

er sagt des jahres strophen nicht mit
und noch einen schritt
auf die sonne zu
dann bersten die schuh

 

 

 

Juli

Gelassen stieg die Nacht ans Land,
Lehnt träumend an der Berge Wand,
Ihr Auge sieht die goldne Waage nun
Der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn;
Und kecker rauschen die Quellen hervor,
Sie singen der Mutter, der Nacht, ins Ohr
Vom Tage,
Vom heute gewesenen Tage.

Das uralt alte Schlummerlied,
Sie achtet’s nicht, sie ist es müd;
Ihr klingt des Himmels Bläue süßer noch,
Der flücht’gen Stunden gleichgeschwungnes Joch.
Doch immer behalten die Quellen das Wort,
Es singen die Wasser im Schlafe noch fort
Vom Tage,
Vom heute gewesenen Tage.

Eduard Mörike

 

 

 

Juni

Johannes Bobrowski zum 100.!

Immer zu benennen:
den Baum, den Vogel im Flug,
den rötlichen Fels, wo der Strom
zieht, grün, und den Fisch
im weißen Rauch, wenn es dunkelt
über die Wälder herab.

Zeichen, Farben, es ist
ein Spiel, ich bin bedenklich,
es möchte nicht enden
gerecht.

Und wer lehrt mich,
was ich vergaß: der Steine
Schlaf, den Schlaf
der Vögel im Flug, der Bäume
Schlaf im Dunkel
geht ihre Rede – ?

Wär da ein Gott
und im Fleisch,
und könnte mich rufen, ich würde
umhergehn, ich würde
warten ein wenig

 

 

 

 

Mai

Werte

Die guten Dinge des Lebens
sind alle kostenlos:
die Luft, das Wasser, die Liebe.
Wie machen wir das bloß,
das Leben für teuer zu halten,
wenn die Hauptsachen kostenlos sind?
Das kommt vom frühen Erkalten.
Wir genossen nur damals als Kind
die Luft nach ihrem Werte
und Wasser als Lebensgewinn,
und Liebe, die unbegehrte,
nahmen wir herzleicht hin.
Nur selten noch atmen wir richtig
und atmen die Zeit mit ein
wir leben eilig und wichtig
und trinken statt Wasser Wein.
Und aus der Liebe machen
wir eine Pflicht und Last.
Und das Leben kommt dem zu teuer,
der es zu billig auffasst.

Eva Strittmatter

 

 

 

April

Mach mir ein Bildnis von der Sonne –
Damit ich’s in mein Zimmer hänge,
Und tu als ob es mich erwärmt
Wenn jemand sagt: „es tagt“!

Am Zweig – die Drossel – zeichne die –
Damit mir ist, als hört ich sie,
Und wenn das Gartenlied verstummt –
Aufhör – mit dem Als ob –

Und sag  – wird’s wirklich mittags warm –
Und Butterblumen „flattern hin“ –
Und Falter „blühen“ die?
Dann – schwänzen wir – im Gras – den Frost –
Und übergehn den Blätterrost –
Wir spielen – das käm nie!

Emily Dickinson

Make me a picture of the sun –
So I can hang it in my room,
An make believe I’m getting warm
When others call it „Day“!

Draw me a Robin – on a stem –
So I am hearing him, I’ll dream,
And when the Orchards stop their tune –
Put my pretense – away –

Say if it’s really – warm at noon –
Whether it’s Buttercups – that „skim“ –
Or Butterflies – that „bloom“?
Then – skip – the frost – opon the lea –
And skip the Russet – on the tree –
Let’s play those – never come!

(Übersetzt von Gunhild Kübler)

 

 

März

Vorfrühling

Stürme brausten über Nacht,
und die kahlen Wipfel troffen.
Frühe war mein Herz erwacht,
schüchtern zwischen Furcht und Hoffen.
Horch, ein trautgeschwätz’ger Ton
dringt zu mir vom Wald hernieder.
Nisten in den Zweigen schon
die geliebten Amseln wieder?

Dort am Weg der weiße Streif –
Zweifelnd frag‘ ich mein Gemüte:
Ist’s ein später Winterreif
oder erste Schlehenblüte?

Paul Heyse (1830 -1914)

 

Februar

Neue Naturdichtung

Er weiß, dass es eintönig wäre
nur immer Gedichte zu machen
über die Widersprüche dieser Gesellschaft.
und dass er lieber über die Tannen am Morgen
schreiben sollte.
Daher fällt ihm bald ein Gedicht ein
über den nötigen Themenwechsel und über
seinen Vorsatz
von den Tannen am Morgen zu schreiben.

Aber sogar wenn er wirklich früh genug aufsteht
und sich hinausfahren lässt zu den Tannen am Morgen
fällt ihm dann etwas ein zu ihrem Anblick und Duft?
Oder ertappt er sich auf der Fahrt bei dem Einfall:
Wenn wir hinauskommen
sind sie vielleicht schon gefällt
und liegen astlos auf dem zerklüfteten Sandgrund
zwischen Sägemehl Spänen und abgefallenen Nadeln
weil irgendein Spekulant den Boden gekauft hat

Das wäre zwar traurig
doch der Harzgeruch wäre dann stärker
und das Morgenlicht auf den gelben gesägten Stümpfen
wäre dann heller weil keine Baumkrone mehr
der sonne im Weg stünde. Das
wäre ein neuer Eindruck
selbsterlebt und sicher mehr als genug
für ein Gedicht
das diese Gesellschaft anklagt.

Erich Fried

 

Januar

Ein neues Buch, ein neues Jahr,
Was werden die Tage bringen?!
Wird’s werden, wie es immer war,
Halb scheitern, halb gelingen?

Ich möchte leben, bis all dies Glühn
Rückläßt einen leuchtenden Funken.
Und nicht vergeht, wie die Flamm‘ im Kamin,
Die eben zu Asche gesunken.

Theodor Fontane